Was haben wir uns gefürchtet! „Big Brother is watching you“ – oh nein, hat man sich entrüstet, nicht mit mir! Volkszählung? Dagegen! Werbung? Dagegen! Meine Adresse für eine Rabattkarte im Kaufhaus preisgeben? Dagegen! Ich bleibe unerreichbar für alle, die mich manipulieren wollen, die mich durchleuchten wollen, die….
Stop! Neulich im Internet.
Auf der Suche nach einem bestimmten Buchtitel klicke ich mich durch Amazon.de bis mir auffällt, dass ich dort schon bevor ich eine Bestellung eintrage, namentlich begrüßt und angesprochen werde. Wie praktisch. Ich brauche nichts mehr eintragen, nur noch bestätigen und schwupp! – ist das Buch auf dem Weg zu mir. Nur – woher weiß Amazon, dass ich es bin, die gerade auf die Seite gesurft ist?
„Das ist web 2.0“, erklärt mir meine Freundin.
Ich bin überrascht und enttäuscht. Das ist das berühmte web 2.0? Dass meine Adresse dort bekannt ist? Es ist viel mehr. Web 2.0 ist die technisch klingende Bezeichnung für die gelebte Interaktivität, die das Internet jetzt für jeden User bedeutet. Bis vor wenigen Jahren, also in der Anfangszeit seiner Verbreitung, war das Internet eine mehr oder weniger statische Einrichtung, die zahlreiche Informationen zur Verfügung stellte. Der User schlug eigentlich nur ein virtuelles Buch auf und erhielt die gewünschten Informationen. Internetseiten hielten Wissen parat, blieben aber starr und in gewissem Sinne klassisch – der User blieb passiv.
Das hat sich geändert. Der User nimmt heute nicht einfach nur Information auf. Er hat fast immer und überall die Möglichkeit, selbst aktiv ins Geschehen einzugreifen, Beiträge einzustellen – also Texte auf Seiten zu veröffentlichen, seine Meinung zu sagen oder Tipps weiterzugeben – mit anderen Usern in Kontakt zu treten oder umgekehrt von interessierten Teilnehmern angesprochen und gefragt zu werden. Das ist nicht nur auf dem großen Feld der Partnersuche interessant.
Ein gutes Beispiel für „gelebte Interaktivität“ ist das Online-Lexikon Wikipedia. Hier findet man zu vielen Stichworten Informationen, es ist z.B. möglich, einfach ein Datum einzugeben und man erfährt, was in vielen Jahren an diesem Tag passiert ist. Wer ist geboren worden oder verstarb? Welche politischen Ereignisse fanden statt? Gab es wichtige sportliche Events? (Es gibt immer welche, die ein Jahr prägen!) Es ist verblüffend, wie viel Informationen bei Wikipedia zusammengetragen werden. Und das ist jetzt wörtlich zu nehmen: WERDEN. Nicht WURDEN! Denn Wikipedia wird laufend aktualisiert und erweitert. Das passiert nicht von einer zentralen Stelle aus, es gibt also keinen einzelnen Menschen oder eine Institution, die den Menschen Wissen vermittelt. Bei Wikipedia ist jeder User, wenn er es will, gleichzeitig Informationsgeber. Jeder kann zu einem Stichwort oder Thema beitragen, wenn er Fakten kennt, die dort bisher noch nicht veröffentlicht wurden oder auch, wenn er Fehler entdeckt, die er korrigieren kann.
Das „neue“ Internet kann noch mehr.
Jeder kennt die Angst vor Viren und jeder, der diese Angst kennt, hat auch einen Virenschutz installiert. Vor wenigen Jahren noch war das eine Sisyphosarbeit: kaum hatte man eine neue Software installiert, war sie auch schon wieder veraltet und die Gefahr für den Computer, unerwünschte Besucher zu bekommen, stieg gewaltig. Also musste eine neue Software, zumindest aber ein Update, gekauft und installiert werden. Und auch die war nur kurze Zeit aktuell.
Heute greift der Computer selbständig auf die aktuellen Updates des installierten Virenschutzes zu. Auf diese Weise kann man sicher sein, regelmäßig gegen die neuesten Schädlinge gewappnet zu sein.
Weblogs: Vertreter des Web 2.0
Und noch ein Beispiel für web 2.0: das weblog. Ein weblog war im Anfang, das war etwa Ende der 90er Jahre, ein Online-Tagebuch und wurde auch so genutzt. Wer ein Weblog führte, und das waren vergleichsweise wenige Internetuser, der erzählte vielen anderen Internetusern von seinem Leben. Andere User konnten diese Einträge lesen, sie kommentieren, je nach Eintrag bewerten oder einfach antworten.
Die Weblogs haben einen ungeheuren Boom erlebt. Millionen Menschen führen Weblogs oder nehmen an ihnen teil. Die Texte werden am eigenen Computer erstellt und dann mittels einer einfachen Software, die zur Verfügung steht, online gestellt. Diese Veröffentlichungen können als einfache Websites betrachtet werden – Inhalt allein zählt, nicht die Aufmachung. Auf diese Weise entstand und entsteht immer weiter ein riesiges Internetforum, bzw. eine Variante des schon altmodisch anmutenden Forums.
Der User, der zwar in gewissem Sinne unfreiwillig von „Big Brother“ vereinnahmt wird, hat also die Chance, aktiv ins Geschehen einzugreifen. Ich nenne zwar meinen Namen und verrate auch, was mich interessiert, was es vielen Firmen einfach macht, Werbung zu platzieren, aber ich kann großen Nutzen daraus ziehen.
„Big Brother, I am watching you“ – das ist jetzt meine Antwort an den großen Bruder.







Da wird vor allem jede Menge Geld verblasen. Man könnte meinen, die Leute haben nach der ersten Internetblase nichts dazu gelernt.
LG Amtsmann
Naja, immerhin ist es jetzt “professionelles Geld” und nicht mehr die Spargroschen der Kleinanleger.